Pisse in Brüssel (nicht Manneken…)
Ein Gastbeitrag von Thomas Keysser ( @tkeysser )
Stau, natürlich immer Stau.
Freitagnachmittag Großstadtstau. So oder so ähnlich hätte dieser Text anfangen sollen. Das ist die Regel.
Doch dieses Mal – Überraschung – die Ausnahme.
Aus der tiefen Provinz nach Brüssel in nicht mal ’ner Stunde ist PR, hurra.
Und noch mehr hurra, denn hier soll es an diesem Freitagabend Anfang Oktober mit Überraschungen nicht enden.
Aber first things first und so…
Die großartigen Pisse – selbsternannte fünftbeste Band Deutschlands – kommen auf Eurotour in Brüssel vorbei und bringen die ebenfalls großartige – wenn auch noch ungerankte – Güner Künier mit.
Vorneweg noch die Brüsseler locals Tranen, nicht minder großartig.
Dafür hätte ich mich mit Freuden in den Freitagnachmittagsstau geparkt.
Location ist Magasin 4 – legendärer Brüsseler DIY Veranstaltungsort seit 1994.
Supersympathischer Laden, komplett von Freiwilligen organisiert und am Laufen gehalten.
Weitere Überraschung, heute abend ausverkauft.
(Geht die deutsche-expats-EU-bubble eigentlich auf deutsche Punkkonzerte?)
Tranen starten pünktlich.
Eggpunk. Postkarnevalpunk. Was es alles gibt.
Flämische Texte, wild und wirr. Durcheinander aber eingängig.
Ab geht’s.
Und hier die nächste und eigentliche Überraschung:
Es wird getanzt!
Also ausladende Bewegungen unbestimmter Art, Freistil, vor der Bühne.
Call it Moshpit, Pogo, rumgebounce oder was.
Ganz direkt. Ab Minute 5 schon.
(Für mich eine) Seltenheit in Belgien.
Normal dauert das, und dauert.
Und manchmal passiert es einfach nicht. Nie.

Selbst wenn alle anderen Zutaten für das Gelingen dieser Krönung jeden Konzertes stimmig vorhanden sind.
No offense Belgien.
Ich liebe grosse und kleine Konzerte in Brüssel, Antwerpen, Gent, Brügge und wo auch sonst dazwischen – aber tanzfreudig ist leider oft was anderes
Noch besser ist, dass es mit Güner Künier weiter geht.
Mehr synthlastig und auch mehr beats – mit Stehdrummerin Lucy.
Und vor allem – es geht auch die Action vor der Bühne weiter.
Publikum hat deutlich Bock.
Das zieht sich dann auch erfolgreich durch den Abend.

Bei Pisse dann zu einer ungeahnten Höchstform auflaufend.
Band (stimmt doch, oder!?) wie Publikum…
Stagediving und stagedancing. Crowdsurfing und schultersitzing.
Das ganze Programm friedlich, schwitzig, rempeligen durcheinanders, das ein Konzert erst komplettiert.
Sie spielen einige, jedoch nicht alle Klassiker.
Wer auf „Fahrradsattel“ oder „Alt sein“ gewartet hat (ich) wurde dezent enttäuscht.
Ach was – das ist Nostalgiekäse – es waren Killersongs und viele singen vor der Bühne sogar mit.
Ansagen gibt es allerdings – wohl Schüchternheits- und oder Sprachbarriere-bedingt – nur wenige und vorsichtige.
Aber das wirkt so, als hätte die Band das Ausmaß dieser Feier gar nicht erwartet und fühlt sich ernsthaft geehrt.
Understatementsniedlichkeit at its ehrlichem und herzerwärmenden best!
Niedlichkeit hin oder her – die Nummern kommen mit schön rotzigem Druck und knallen kurz und gut in 1 bis 2 Minuten rein. Durchatmen, weiter.
Noch `ne Überraschung – bzw. wieder was gelernt:
Das Instrument mit Antenne und ohne Berührung ist ein Theremin.
Klingt komisch und macht optisch gut was her.
DDR-Spaceprogram-Hammondorgel-Kleiderbügel.
Styler-Bonuspunkte für die dezente Weirdness und vor allem die Einzigartigkeit.
Tranen waren hinterher ganz hingerissen von diesem Abend und loben die belgische Punk und DIY Szene sowieso als „offen, warmherzig und gastfreundlich.“
Für Güner war es das beste Konzert der Tour (bisher…)
„Immer geil, wenn Mann / Frau diese Verbindung zwischen Publikum und Band spürt.“
Ein bunter Blumenstrauss der rotzigen Melodien und vielen Überraschungen endet für mich entspannt auf dem Heimweg, nach ein paar verschwitzten Schlücken lauer Brüsseler Nachtluft.
Jetzt wäre Stau allerdings noch eine letzte Überraschung gewesen.
Deshalb ist noch Zeit für eine kurze Belgien-detour:
Auch ausserhalb der Hauptstadt muss sich Belgien musikmäßig nämlich definitiv nicht verstecken.
Wenn in good old Deutschland internationale Acts gerne auch mal nur ein Konzert in München, Hamburg oder Berlin spielen und den ganzen großen Rest dazwischen einfach übergehen, hat man im überschaubaren Belgien sehr oft die Chance, dass Konzerte sowieso in Brüssel oder Antwerpen stattfinden.
Kleinere Konzerte von lokalen Acts oder diversen BeNeLux Helden gibt es eigentlich immer und überall. So viele kleine Clubs mit super Programm im ganzen Land.
Belgische Acts die man unbedingt mal gehört haben sollte,
sind u.A. die natürlich unvergessenen und (meiner Meinung nach Stil prägenden), genialen Nations On Fire.
Aber – lange ist’s her – speaking of Nostalgiekäse…
Eine auf Vollständigkeit Anspruch erhebende Liste würde natürlich jeden Rahmen sprengen, aber aktuell unbedingt mal Ronker und Doodseskader anhören.
Der, die Landesgrenzen nur ganz vorsichtig überschreitende, Wahnsinn.
Wer mal in BXL ist und ein Konzert sehen will – das Magasin4 ist erste Wahl für DIY Punk, Hardcore, Alternative.
Der schönste Laden für grössere Shows ist das Ancienne Belgique in der Innenstadt.
Auch im Botanique geht einiges.
Und noch mehr, richtiges we’re down `till we’re underground Gefühl ,
gibt`s im Cobra Jaune.


